Selbsthilfe

Selbsthilfe ist ein Begriff weitgehend alltagssprachlicher Natur. Als solcher ist er genuiner Bestandteil des Sprachschatzes der Bevölkerung, er hat aber auch Eingang gefunden in Konzepte von Politikern, Ausführungsbestimmungen von Sozialgesetzen, Arbeitsplatzbeschreibungen von sozialer Arbeit, Selbstbeschreibungen von Gruppen und Organisationen und natürlich auch in die Terminologie von Wissenschaft und Forschung. Bislang ist es nicht gelungen, einen (wissenschaftlich) konsequenten Begriff der Selbsthilfe zu entwickeln – was vermutlich auch auf absehbare Zeit so bleiben wird. Dementsprechend werden der Begriff Selbsthilfe wie auch die darauf basierenden Begriffe wie z.B. Selbsthilfegruppe, Selbsthilfeorganisation oder Selbsthilfekontaktstelle immer in einem sozialen Kommunikationszusammenhang verwendet, der bestimmten Zwecken und auch Interessen dient.

An dieser Stelle soll der Diskussion keine neue Definition hinzugefügt werden. Dies ist auch nicht nötig, da für die Recherche die von den Autorinnen und Autoren vergebenen Bezeichnungen für die Recherche leitend sind. In unseren Forschungsberichten wird versucht, soweit wie möglich transparent zu machen, was jeweils unter Selbsthilfe verstanden wird. Dennoch sollen hier einige Unterscheidungen diskutiert werden, um einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Vorstellung von Selbsthilfe für das WiSe-Team leitend sind.

Von zentraler Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen Akteur und Handlung (vgl. Borgetto 2004). Bezieht sich das „Selbst“ in Selbsthilfe auf den Akteur, so ist „Hilfe“ die Handlung, um die es geht. Hilfe kann als eine Handlungsform angesehen werden, bei der eine oder mehrere Personen eine andere oder mehrere andere Personen dabei (auch wechselseitig) unterstützt, (ggf. besser und/oder leichter als allein) eine Mängellage zu überwinden, ein Problem zu lösen oder zu bewältigen oder ein Ziel zu erreichen. Welcher Art die unterstützenden bzw. eigenen Handlungen sind, ist zunächst einmal von untergeordneter Bedeutung. Stattdessen soll noch ein kurzer Blick auf die Akteure geworfen werden. Hilft man sich selbst, so bedeutet dies, dass man in einer Situation, in der Hilfe möglich, üblich, angemessen oder auch sozialstaatlich angeboten bzw. garantiert wird, auf diese (Fremd-)Hilfe (Dritter) verzichtet, um selbst und eigenständig aktiv zu werden. Dies kann als einzelne Person erfolgen (individuelle Selbsthilfe), als Person(en) innerhalb natürlicher sozialer Systeme wie Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis u.ä. (erweiterte individuelle Selbsthilfe) und innerhalb eigens zu diesem Zweck ‚künstlich’ geschaffener sozialer Systeme wie Gruppen und Organisationen (gemeinschaftliche Selbsthilfe in Selbsthilfezusammenschlüssen). Die in der WiSe-Datenbank bereit gestellten Forschungsberichte beziehen sich ausschließlich auf gemeinschaftliche Selbsthilfe.

Zu klären ist auch, worauf die Selbsthilfe beruht. Aus der Betroffenheit heraus, d.h. dem Erleben und Erleiden von Mängellagen, Problemen und unerreichten Zielen, entsteht eine je individuelle Problemkompetenz, und aus selbst erprobten, erfahrenen Bewältigungserfolgen (wie auch Fehlschlägen) erwächst eine ebenso individuelle Lösungskompetenz. Diese werden durch den Erfahrungsaustausch in Selbsthilfezusammenschlüssen zur Anregung und ggf. zum Vorbild für mehr oder weniger angepasste Lösungen anderer Betroffener und verdichten sich zunehmend zu einem kollektiven Wissen und einer kollektiven Kompetenz. Natürlich entstehen und entwickeln sich Betroffenenwissen und Betroffenenkompetenz nicht im luftleeren Raum – sie stehen in Wechselwirkung mit dem Wissen und den Lösungsvorschlägen von nicht betroffenen Laien wie Experten, die mit den Einzelnen, den Gruppen und den Organisationen interagieren. Hieraus entsteht eine besondere Mischung von Laien- und Fachwissen/-kompetenzen, die einzigartig ist bei Menschen, die sich in der Selbsthilfe engagieren. Es ist aber von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Selbsthilfe, hervorzuheben, dass der Anteil des Betroffenenwissens und der Betroffenenkompetenzen, der in den Aktivitäten und Angeboten von Selbsthilfezusammenschlüssen zum Tragen kommt, die originäre, nicht substituierbare ‚Leistung’ der Selbsthilfe im Gesundheitssystem ist.

© Bernhard Borgetto, Stand: September 2013

Literatur

Borgetto, B. (2004): Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, Forschungsergebnisse und Perspektiven.  Buchreihe des Schweizerischen Gesund­heits­observatoriums. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Hans Huber-Verlag

WiSe

HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Studiengänge Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie
Standort Hildesheim
www.hawk-hhg.de

Projektleitung:
Prof. Dr. Bernhard Borgetto

Wissenstransfer für die Selbsthilfe in Kooperation mit dem IFB