Erste Ergebnisse

In den meisten europäischen Staaten gibt es bislang nur wenige Betriebe, die aktive Landwirtschaft mit einem Angebot für alte oder an Demenz erkrankte Menschen verbinden. In Deutschland konnten im ersten Projektjahr 18 Betriebe recherchiert werden. Ihre Zahl ist seitdem auf 28 (Mai 2018) gestiegen.

Landwirtschaftliche Betriebe mit einem Angebot für Senioren/Seniorinnen in Deutschland (Stand Mai 2018)

Landwirtschaftliche Betriebe mit einem Angebot für Senioren/Seniorinnen in Deutschland (Stand Mai 2018; Lageangabe nur grob)

Acht Betriebe wurden für eine explorative Analyse ausgewählt, wobei sowohl die anbietenden Landwirte oder Landwirtinnen oder andere Schlüsselpersonen (9 Interviews) als auch teilnehmende Senioren und Seniorinnen ( 23 Interviews) befragt wurden. Ergänzt wurden die Befragungen durch Teilnehmende Beobachtungen.

Die Anbieter
Die landwirtschaftlichen Betriebsleiter zeigen eine große Varianz an Motiven für die Seniorenangebote, die jedoch nie einer rein betriebswirtschaftlichen Kalkulation entsprangen. Neben dem Wunsch, alle Generationen im alltäglichen Zusammenleben vertreten zu haben, kann auch ein privates Ereignis oder ein familiärer Bezug für die Thematik sensibilisiert haben. Sie haben sich vor der Etablierung ihres Angebots intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, teilweise auch eine spezifische Weiterbildung absolviert. Durch vorherige Projekte hatten sie sich einen Überblick verschafft, an welche Ämter oder Beratungsstellen sie sich wenden könnten, wo sie gegebenenfalls Förderungen bekommen könnten und wie sie mit Widerständen umgehen. Sie haben überwiegend bereits andere Erfahrungen im Aufbau von Unternehmen oder einer Selbstständigkeit gemacht. Der Nutzen einer guten Öffentlichkeitsarbeit oder eines beruflichen Netzwerks ist ihnen daher geläufig.

Qualität durch Partizipation
Relevant für die Qualitätsbewertung durch die Seniorinnen und Senioren war insbesondere bei den Wohnangeboten die Art und Weise, inwiefern sie an einem lebendigen – nicht künstlich konstruierten – Alltag teilnehmen können. Die infrastrukturelle oder bauliche Ausstattung hatte wesentlich weniger Einfluss auf ihr Wohlbefinden als die Qualität des persönlichen Umgangs. Das Gefühl, als Individuum wahrgenommen, war hierfür entscheidend. Gute Projekte zeichneten sich darüber hinaus durch die Freiwilligkeit der Teilnahme an sozialen Angeboten aus. Eine wertschätzende Haltung gegenüber der individuellen Persönlichkeit und ihrer Selbstgestaltungsfreiheit zeigte sich nicht zuletzt darin, dass aktivierende Optionen auch abgelehnt werden durften.

Landwirtschaft wirkt nur in einzelnen Facetten
Ein landwirtschaftliches Setting wirkt nicht per se. Alte Menschen, die bereits zuvor eine Affinität zur Natur hatten, schätzten es, sofern ästhetische Ansprüche erfüllt würden. Sie erfreuten sich am Anblick von Blumen, Garten oder Hecken, weniger an Silageflächen oder dem Geruch von Gülle. Andere, die sich auch vorher nicht für Pflanzen oder Tiere interessierten, maßen der landwirtschaftlichen Umgebung wenig Bedeutung bei. Kontakte zu Tieren wurden von den meisten, jedoch nicht allen Seniorinnen und Senioren positiv wahrgenommen. Im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung wurden auch deutliche Effekte von Tieren auf Demenzkranke wahrgenommen. Dabei scheint es nachrangig zu sein, um welche Art von Tier es sich handelt oder ob dieses auf einem „typischen“ Bauernhof vorzufinden wäre. Die Einbettung in einen landwirtschaftlichen Betrieb war besonders dort positiv, wo dieser vielfältige Teilnahmemöglichkeiten bot, weil „Leben auf dem Hof“ war und die Seniorinnen und Senioren bewusst einbezogen wurden.

Alte Menschen sind sehr unterschiedlich
Es wurde ersichtlich, dass sich die subjektiven Interessen im Alter nicht ändern bzw. eher ausdifferenzieren. Auch im Dorf sind alte Menschen keine homogene Gruppe. Sie haben nicht automatisch einen landwirtschaftlichen Hintergrund – wie vielfach unterstellt wird -, sondern sehr unterschiedliche biografische Erfahrungen als Mitglieder einer modernen Gesellschaft. Manche, die von einem Hof abstammten, haben bewusst andere Berufe erlernt, weil sie mit Landwirtschaft viel Arbeit und Schmutz verbinden.  Die unterschiedlichen Lebensstile und Erfahrungen haben einen deutlichen Einfluss auf aktuelle Bedürfnisse, die das Arbeiten im Garten oder Füttern der Tiere umfassen können, aber auch den Besuch einer Spielhalle, eines klassischen Konzerts oder eines Shoppingcenters. Als größte Übereinstimmung zeigt sich die Sehnsucht nach Gemeinschaft und die hohe Bedeutung der Beziehung zu eigenen Kindern oder Enkeln. Wohnen diese nicht im selben Ort, bekommen soziale Angebote auf dem landwirtschaftlichen Betrieb eine höhere Bedeutung.

Eine kritische Anmerkung
Das Thema „Senioren auf dem Bauernhof“ hat seit Projektbeginn 2016 deutlich an Dynamik gewonnen. In verschiedenen Bundesländern wurden beispielsweise Fachtagungen mit Landwirtschaftskammern durchgeführt. Auch das Interesse der Medien steigt. Teilweise kursieren dort Begriffe wie „Pflegebauernhof“ oder „Demenz-Bauernhof“, die ein einheitliches Konzept vermuten lassen, das es so jedoch nicht gibt. Noch sind Angebote für Seniorinnen und Senioren auf Höfen eine Nische. Das öffentliche Interesse an ihnen speist sich zum Teil eher aus Werbekampagnen verschiedener Molkereien und Landlust-Magazinen als aus der Wirklichkeit. Entgegen der dort vermittelten Eindrücke scheint auch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb nicht immer die Sonne, es gibt dunkle Winter- und lange Regentage und die Pflege des Blumengartens muss ebenso wie manche Reparatur zugunsten anderer betrieblicher Aufgaben gelegentlich vernachlässigt werden. Es empfiehlt sich daher, genau hinzuschauen, was in einem Angebot mit „Bauernhof“ gemeint ist und woraus eigentlich die „Landwirtschaft“ besteht. Die idyllische Hofanlage entsteht oft erst dann, wenn die Landwirtschaft aufgegeben oder zugunsten anderer Einkommensmöglichkeiten deutlich zurückgefahren wurde. Hochwertige Angebote für Seniorinnen und Senioren lassen sich auch in solchem Ambiente finden, das tier- und gartentherapeutische Elemente gut integrieren kann. Es würde dem öffentlichen Bild von Landwirtschaft ebenso wie demjenigen der Angebote für alte Menschen jedoch sicher helfen, sorgsamer mit Bildern der Idylle umzugehen.