Bericht der PTH-Veranstaltung vom 20.06.19

PTH-Veranstaltung: Perspektiven auf Herausforderungen in der Palliativversorgung

Am 20.06.2019 fand die Veranstaltung zum Thema „Perspektiven auf Herausforderungen in der Palliativversorgung“ des PTH Netzwerkes an der HAWK Hildesheim statt. Prof. Dr. Ulrike Marotzki eröffnete den Abend und erläuterte den Ablauf.

Im ersten Teil der Veranstaltung stellten Studierende des Masterstudiengangs Ergotherapie/Logopädie/Physiotherapie ihre auf Interviewerhebungen aufbauenden Studienprojekte aus verschiedenen Seminaren vor. Diese Projekte griffen Fragestellungen auf, die in den beiden vorherigen PTH-Treffen zum Thema „Palliativversorgung“ entstanden waren. Die Projekte werden hier kurz vorgestellt:

Palliativversorgung in der ambulanten Praxis (Kohlenberg, Haase, Praetze, Regelmann): Die Studierenden dieses Projektes befragten vier Therapeut*innen mit mehreren Jahren Berufserfahrung. Das Projekt kam zu dem Ergebnis, dass die Palliativversorgung individuell an die Bedürfnisse der Patient*innen angepasst werden sollte. Im Fokus der interviewten Therapeut*innen steht dabei die Verbesserung oder Begünstigung der Lebensqualität. Sie betonten außerdem, dass die palliative Behandlung und Begleitung der Patient*innen einen „Rund-um-Blick“ erfordere, d.h. der/die Patient*in sowie die begünstigenden/hemmenden Einflussfaktoren müssen berücksichtigt werden. Zudem spielt das soziale Umfeld eine wichtige Rolle im Versorgungsprozess.

Ressourcen und Herausforderungen in der ambulanten Hildesheimer Palliativversorgung (Ilper, Niemann, Reeck): Die Studiengruppe führte Experteninterviews mit Akteur*innen aus der ambulanten Palliativversorgung im Bereich der ambulanten Pflege, der Palliativmedizin und der Koordination durch. In den Interviews wurden die Ressourcen und Hürden der palliativen Versorgung im Raum Hildesheim erforscht. Das Ehrenamt, die Zusammenarbeit zwischen den Akteur*innen der ambulanten Palliativversorgung in Hildesheim und die Angehörigenarbeit wurden vorrangig als Ressourcen genannt. Als Hürden der ambulanten palliativen Versorgung wurden neben den strukturellen Rahmenbedingungen, die Finanzierung und der noch häufig präsente kurative Gedanke aufgeführt. Weiterhin wurde eine mögliche Integrierung der Berufsgruppen Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie in die ambulante Palliativversorgung thematisiert und dafür viele Ideen aber auch strukturelle Hürden genannt.

Zusammenarbeit von Pflege und Gesundheitsfachberufen im stationären Hospiz (Haensch, Lüddecke, Mews, Mönnighoff): In diesem Projekt wurden in zwei verschiedenen Hospizen vier Interviews mit insgesamt drei Fachkräften der Pflege und einem/einer Physiotherapeut*in geführt. Eine Zusammenarbeit findet hauptsächlich zwischen der Pflege und Physiotherapie statt, da die anderen beiden Disziplinen weniger im Hospiz tätig sind. Die Zusammenarbeit basiert grundlegend auf Erfahrungen und guten Netzwerken zwischen den Hospizen und Physiotherapiepraxen, wobei der/die Gast/Patient*in und dessen/deren Wohlbefinden für alle im Vordergrund steht.

Palliativversorgung in der Ausbildung (Gödecke, Hubert, Reschke, Wargers): Diese Projektgruppe befragte vier Schulleiter*innen von Berufsfachschulen der Gesundheitsfachberufe ELP. Es konnte festgestellt werden, dass der Bedarf besteht, Palliativversorgung in die Ausbildung zu inkludieren. Jedoch stellen starre curriculare Vorgaben sowie fehlende zeitliche Ressourcen eine Herausforderung dar.

Anschließend an die Impulsvorträge nahmen die Teilnehmer*innen an einem sogenannten Worldcafé teil. An vorbereiteten Tischen wurden folgende Themen diskutiert: Ambulante Praxis, Ausbildung, Zusammenarbeit Pflege und ELP, Öffentlichkeitsarbeit und Ehrenamt:

Ambulante Praxis: An diesem Tisch konnten fünf Schwerpunkte herausgearbeitet werden. Zum einen wurde über die Arbeitsorganisation nach der Heilmittelrichtlinie diskutiert. Hier sollte es eine Abrechnungsposition für interdisziplinäre Zusammenarbeit und für Palliativversorgung mit anderen Zeiteinheiten geben. Zudem wurde der Wunsch nach einem Ausbildungscurriculum sowie einem Netzwerk zwischen erfahrenen Angehörigen der Gesundheitsfachberufe und Berufsanfänger*innen geäußert. Die Teilnehmer*innen diskutierten außerdem die Frage, welche Kompetenzen benötigt werden, um Patient*innen palliativ zu versorgen. Es war Konsens, dass für alle der palliative Gedanke im Vordergrund stehen sollte.

Ausbildung: Dieser Tisch diskutierte u.a. darüber, welche Inhalte in die Ausbildung integriert werden sollten beispielsweise die Haltung & Denkweise in der Palliativversorgung und die Zielsetzung. Außerdem wurden die möglichen Störungsbilder palliativer Patient*innen und der Umgang mit Grenzen erörtert. Kontrovers diskutierten die Tischgäste, ob Palliativversorgung ein fester Bestandteil des Curriculums oder als Wahlpflichtfach angeboten werden sollte. Es entstand der Vorschlag, die Theorie als Pflichtfach einzuführen und die praktischen Anteile zur Wahl zu stellen. Alternativ, bis zur möglichen Aufnahme in das Curriculum, könnten Schüler*innen z.B. Praktika im Hospiz machen.

Zusammenarbeit Pflege und ELP: An diesem Tisch wurden vier Annahmen diskutiert. Die Tischgäste stellten ein fehlendes Wissen der Berufsgruppen über die anderen Disziplinen fest. Hierdurch werde die Zusammenarbeit einschränkt. Zugleich tauschten sich die Teilnehmenden über die Zuständigkeiten der einzelnen Disziplinen aus. Eine neue Hypothese bestand darin, dass den Hospizen Kontakte zu therapeutischen Praxen, die palliativ arbeiten, fehlen. Mögliche Wege dieses Problem zu lösen, liege in einer verbesserten Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Vortrag im Seniorenkreis) und Vernetzung (z.B. durch Erstellen von Listen mit Praxen). Zusätzlich wurde hervorgehoben, die Angehörigen bestmöglich zu informieren, damit diese die Therapie initiieren können. Ebenfalls sei eine Schulung der Therapeut*innen für die Hospizsituation erforderlich. Dies könne die Bereitschaft fördern, in die Hospize zu gehen. Für eine ausreichende Flexibilität seitens der Therapeut*innen ist neben einem guten Fachwissen eine räumliche Nähe notwendig.

Öffentlichkeitsarbeit und Herausforderungen in der Palliativversorgung: An diesem Tisch wurde deutlich, dass nicht nur auf Seiten der Akteur*innen der Palliativversorgung wenig Kenntnisse über die therapeutische Arbeit vorhanden sind, sondern auch, dass Therapeut*innen in manchen Fällen ebenfalls nicht wissen, wie die Palliativversorgung abläuft und welche Akteur*innen beteiligt sind. Es wurde überlegt, wie mehr Informationen bezüglich der Palliativversorgung an die Therapeut*innen gelangen können. Hierzu wurden Ideen wie Publikationen in Fachzeitschriften, Werbung auf Internetseiten und in den Berufsverbänden sowie Netzwerktreffen, wo die Therapeut*innen teilnehmen und sich über die Palliativversorgung informieren können, genannt. Diesbezüglich stellte sich die Frage, wer für die Organisation solcher Treffen als Initiator*in in Frage käme und wie dies umsetzbar wäre. Auch wurde die Bedeutung von Multiplikator*innen bei der Bekanntmachung von therapeutischen Leistungen innerhalb der Palliativversorgung angesprochen. Es wurde vorgeschlagen, Pflegefachkräfte und gegebenenfalls Ärzt*innen als Multiplikator*innen zu nutzen, da diese von Beginn an nah an den Betroffenen und Angehörigen sind. Weiterhin kam der Gedanke auf, in Senior*innengruppen zu gehen und dort für mögliche Therapien und Maßnahmen im Falle einer Palliativversorgung zu sensibilisieren.

Ehrenamt: Die Teilnehmenden an diesem Tisch haben zum Einstieg anhand von Gegenständen ihre Assoziationen zum Ehrenamt geteilt. Dabei wurde diskutiert, was das Ehrenamt leisten kann. Es fungiert bspw. als Genussbringer. Ehrenamtliche leisten etwas, was über die Regelversorgung hinaus geht, z.B. Wünsche zu realisieren (bestimmte Lieblingsprodukte genießen). Sie können damit „Lücken füllen“ und an den Stellen tätig werden, wo sonst niemand zur Verfügung steht. Dies verursacht ein Spannungsfeld zwischen Therapie und Ehrenamt. Die Tätigkeit von Ehrenamtlichen verdeckt einen Versorgungsmangel und leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität. Das Forschungsprojekt Nonverbale Kommunikation mit Sterbenden (NoKoS) untersuchte, was die Motive der Ehrenamtlichen sind: Soziale Teilhabe stärken, Win-Win-Situation herstellen, Herausforderungen suchen. Es stellte sich heraus, dass die Palliativversorgung zum großen Teil auch von professionellen Helfer*innen ehrenamtlich gestützt wird, z.B. durch unbezahlte, längere Therapieeinheiten, Abendveranstaltungen wie PTH und Forschung.

Während der Vorstellung der Ergebnisse des Worldcafés im Plenum fand eine anregende Diskussion zu den Themen statt. Am Ende der Veranstaltung fasste Frau Prof. Dr. Ulrike Marotzki die Veranstaltung zusammen. Es wurde ein großer Überblick über die palliative Versorgung geboten, bei dem viele Schnittstellen und Verknüpfungen der verschiedenen Themen stattfanden. Es wurde deutlich, dass viele der angesprochenen Punkte sehr entwicklungsbedürftig sind, wie beispielsweise das Wissen übereinander. Ein Ziel zukünftiger Aktivitäten an der Fakultät ist, ein großes Forschungsprojekt zu dem Thema Palliativversorgung zu initiieren.

Aus der Veranstaltung ist ein Stammtisch zur Vernetzung und zum Austausch über das Thema Palliativversorgung hervorgegangen, bei Interesse melden Sie sich gerne über pth.fs@hawk.de.

Mit Fragen oder Anregungen zu den einzelnen Studienprojekten wenden Sie sich ebenfalls gerne an PTH. Wir geben die Ergebnisse an die jeweiligen Gruppen weiter.

Schreibe einen Kommentar