Bericht: PTH-Veranstaltung vom 07.06.2018 – Palliativversorgung

Zweites PTH-Treffen zum Thema Palliativversorgung
Am 07.06.2018 fand das zweite Treffen zum Thema „Palliativversorgung“ des Netzwerkes Praxis Trifft Hochschule im Senatssaal der HAWK in Hildesheim statt. Prof. Dr. Axel Schäfer leitete den Sommerabend mit einem Rückblick auf die Veranstaltung im Januar ein. Bei dieser Veranstaltung wurde die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines guten Netzwerkes im Bereich der Palliativversorgung deutlich. Besonders im ambulanten Bereich sei die Netzwerkarbeit erschwert. Aufgrund dieser Erkenntnisse und zur Vertiefung des Themas, wurden zum zweiten Treffen zehn Ex-pert/inn/en aus folgenden Disziplinen eingeladen: Palliativmedizin, Pflege, Hospizarbeit, Seelsorge, Psychologie, Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie. Gemeinsam wurde ein palliativer Fall diskutiert. Daraufhin erfolgte ein Austausch über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit unter den Berufen. Mehr als 50 interessierte Teilnehmende verschiedener Disziplinen aus dem Feld der Palliativversorgung sowie Bachelor- und Masterstudent/inn/en des Studiengangs ELP nahmen an dem Treffen teil.

Interdisziplinäre Fallbesprechung
Die Diskussion der Expert/inn/en wurde von Maria Barthel und Dorothea Harth geleitet. Sie forderten nach einer Vorstellungsrunde jede/n auf, die eigene Sicht auf einen konstruierten Fall, einen ALS-Patienten mit einer komplexen gesundheitlichen Problemstellung, zu schildern. Aufgrund vieler Ansatzpunkte und Fragen entstand daraus eine rege Diskussion:

Zunächst wurde dargestellt, dass besonders die Vorbereitung auf das Fortschreiten der Krankheit und somit die Einschränkung der Selbstständigkeit zu bedenken sei. Es sei außerdem wichtig, den Wunsch der palliativ versorgten Patient/inn/en nach Selbstbestimmung zu achten. Viele der Expert/inn/en äußerten, wie wichtig es in der Palliativversorgung sei, welche Aktivitäten (z.B. kommunikativ oder motorisch) noch möglich seien, weil sich dadurch u.a. feststellen ließe, inwieweit die Umgebung der Patient/inn/en durch Hilfsmittel angepasst werden müsse. Des Weiteren wurden die Schwierigkeiten in der ambulanten Versorgung betont, wie beispielsweise die rechtzeitige Lieferung von Krankenbetten, Medikamenten oder Sprachcomputern.

Anschließend an die Vorstellung der disziplinären Sichtweisen wurden die Expert/inn/en aufgefordert, Verknüpfungspunkte und Möglichkeiten der Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen zu benennen.
Es zeigte sich, dass eine Zusammenarbeit z.B. zwischen Ergotherapeut/inn/en, Logopäd/inn/en und Physiotherapeut/inn/en anzustreben sei und bereits im stationären Bereich erfolge. Möglich sei dies bei der Therapie der Atmung, Sekretlockerung und der gemeinsamen Lagerung der Patient/inn/en. Im ambulanten Setting sei es zudem wichtig Angehörige, die Pflege sowie den zuständigen Arzt bzw. die zuständige Ärztin zu informieren.
Diese beschriebene Teamleistung sei ambulant jedoch eine große Herausforderung, da Zeitmangel und fehlende Austauschmöglichkeiten untereinander eine große Hürde darstellen. Stationär, im Hospiz und in der Netzwerkarbeit erfolge eine gute Zusammenarbeit, welche sich ambulant jedoch vor allem finanziell schwer umsetzen lässt. Es kam der Vorschlag auf, die Kommunikation durch ein Austauschbuch zu ermöglichen, außerdem sollten die Angehörigen regelmäßig informiert, beraten und bestärkt werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass besonders die ambulante, aber auch die stationäre Palliativversorgung, engagierte und spezialisierte Fachkräfte benötigt, um die gegebene Situation zu verbessern.

Im Anschluss an die Fallbesprechung wurde der Austausch in drei Arbeitsgruppen, welche sich ebenfalls am Fallbeispiel des Abends orientierten, fortgesetzt. Hier wurde zu den folgenden Themen diskutiert:

  • Vernetzung und Austausch: Wie kann im Raum Hildesheim stationär und ambulant behandelt werden? Welche konkreten Möglichkeiten und Herausforderungen ergeben sich?
  • Forschung: Welche Forschungsfragen ergeben sich?
  • Rahmenbedingungen: Welche Rahmenbedingungen werden für eine gelingende berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit benötigt? (Strukturen, Bedingungen, rechtliche Rahmenbedingungen, ethische Fragestellungen)

 

Ergebnisse der Arbeitsgruppen
1. Vernetzung und Austausch
Die erste Arbeitsgruppe wurde von Masterstudentinnen des Studiengangs ELP und Franziska Zimmermann, Lehrbeauftragte in den ELP-Studiengängen, geleitet. In dieser Gruppe wurde deutlich, wie im Raum Hildesheim die stationären und ambulanten Beteiligten handeln und welche Herausforderungen und Möglichkeiten in der palliativen Versorgung laut diesen bestehen.

Seit 2017 gibt es ein gesetzlich vorgeschriebenes Entlassungsmanagement in Krankenhäusern. Aus Erfahrung der Beteiligt/inn/en des PTH-Treffens ist dieses jedoch nur teilweise etabliert. Insbesondere bei dem Übergang der Normalstation zur ambulanten Behandlung wurde in der Gruppenarbeit eine fehlende Kommunikation beschrieben. Positiv zu erwähnen ist jedoch, dass diese auf den Palliativstationen erfolgreich durchgeführt wird. In Hildesheim ermöglicht das ambulante, palliative Netzwerk einen Austausch in Form von Fallbesprechungen. Weitere Ressourcen stellen Zusatzausbildungen zur Angehörigenschulung sowie die Möglichkeit der stationären Abrechnung für Therapeut/inn/en (seit 2016) dar.

Zukünftige Ideen bzw. Möglichkeiten in der Palliativversorgung wäre ein verstärkter Einbezug von den Therapieberufen (Ergotherapeut/inn/en, Logopäd/inn/en und Physiotherapeut/inn/en), die Verbesserung der Kommunikation zwischen den stationären und ambulanten Einrichtungen sowie eine Liste von ausgebildeten Palliativ-Therapeut/inn/en der unterschiedlichen Disziplinen.

Folgende Herausforderungen konnten herausgestellt werden:

  •  Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung
  • Finanzieller Druck
  • Flächendeckende Versorgung
  • Einbezug der Angehörigen (stationär)
  • Personalmangel
  • die Inhalte der ELP Ausbildung
  • Abrechnung von ambulanten ELP-Leistungen erfolgt derzeit über den Heilmittelkatalog, welches folgende Folgen mit sich trägt:
    • einem sehr knappen zeitlichen Budget,
    • Schwierigkeiten der verordnenden Ärzte und Ärztinnen mit ihrem Behandlungsbudget,
    • keine finanzierte Absprachemöglichkeit mit den übrigen Behandelnden
    • Fehlende Supervision der Therapeut/inn/en

 

2. Forschung
In der zweiten Arbeitsgruppe zum Thema „Forschung“ lag der Schwerpunkt auf der Findung möglicher Forschungsfragen im Bereich der Palliativversorgung. Geleitet wurde diese Gruppe von Prof. Dr. Ulrike Marotzki.
Zunächst äußerten die Teilnehmenden Anliegen, Wünsche oder Fragen und Schwierigkeiten welche ihnen in Bezug auf die Palliativversorgung begegnen. Dabei wurde erneut deutlich, dass die Kommunikation zwischen den Disziplinen, mit Angehörigen sowie den Patient/inn/en wichtig ist. Es wurde hervorgehoben, dass Netzwerke eine gute Möglichkeit zur positiven Kommunikation bieten und die Versorgungperspektive im Mittelpunkt stehen sollte. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass eine Verbesserung der Versorgungsstrukturen, wie z.B. der Anschaffung von Krankenbetten für das häusliche Umfeld, von der Bereitstellung finanzieller Mittel abhängt.

Es ergaben sich folgende, potenzielle Forschungsfragen:

  • Wie kann das ambulante Setting unterstützt werden?
  • Wie lässt sich ein Versorgungsnetzwerk bilden, das möglichst viele Akteure und Akteurinnen einbezieht und auch für Nutzerinnen und Nutzer transparent bleibt?
  • Welche Störfaktoren treten in der Palliativversorgung auf und aus welchen Gründen?
  • Wie können die Barrieren in der Palliativversorgung beseitigt werden?
  • Inwiefern können Angehörige der Patient/inn/en in die Informationsweitergabe einbezogen werden und können sie dies leisten?

Abschließend ist festzuhalten, dass zunächst eine Analyse der verschiedenen Perspektiven der in der Versorgung von Palliativpatient/inn/en Beteiligten notwendig ist, um Hindernisse, welche in der Palliativversorgung bestehen, zu erkennen. Dahingehend ist es wichtig, die Forschung transparent und wenn möglich partizipativ zu gestalten, um dadurch die interdisziplinäre Vernetzung zu fördern bzw. zu verbessern.

 

3. Rahmenbedingungen
Die dritte Kleingruppenarbeit unter dem Thema „Rahmenbedingungen“ wurde von Karoline Munsch, Lehrende in den ELP-Studiengängen, geleitet. Das Ziel war es zu erfassen, welche Rahmenbedingungen für eine gelingende berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit in der Palliativversorgung vorhanden sind und benötigt werden.

Zu Beginn wurden dazu die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen und Strukturen der ambulanten Palliativversorgung (Hospizverein, Spezialisierte ambulante Palliativversorgung/SAPV, Versorgung durch ambulante Pflegedienste und Therapiepraxen) durch die interdisziplinären Teilnehmenden zusammengetragen. Es wurde deutlich, dass in gesetzlicher Ausgestaltung, Organisation, Finanzierung, Kooperation, Verankerung der interdisziplinären Zusammenarbeit oder Unterstützungsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden wie z.B. Supervision sehr unterschiedliche Regelungen und Praktiken existieren. Alle drei Betreuungs- und Versorgungsformen werden unabhängig voneinander oder in Kooperation von Betroffenen und ihren Angehörigen in Anspruch genommen und können auch parallel, sich ergänzend zum Einsatz kommen. Die therapeutischen Berufe sind nicht in das SAPV-System integriert und werden von ambulanten Praxen übernommen. Erkennbar wurde, dass es keine Regelung für den Austausch und die Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Versorgungssträngen gibt und deshalb die Qualität der Netzwerkarbeit auf der Einsatzbereitschaft und dem Engagement der einzelnen Beteiligten ruht.

Im Anschluss an die Informationssammlung wurden Vorschläge zur Verbesserung der Situation gesammelt. Dabei wurde u.a. der Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung diskutiert und es wurden Ideen für Strukturen zur Kommunikation an dieser Schnittstelle entwickelt. Als Ergebnis der Arbeitsgruppe wurde festgestellt, dass Beteiligte ebenso wie die Öffentlichkeit über die Versorgungsmöglichkeiten aufgeklärt werden sollten, damit die häufig sehr spät eingeleitete Hospizarbeit oder Betreuung durch einen Palliativstützpunkt früher beginnen kann. Der Einbezug der therapeutischen Versorgung in diese Betreuungssystematik wäre wichtig.

Die Abendveranstaltung wurde mit einem gemeinsamen Rückblick auf die Ergebnisse der drei Arbeitsgruppen beendet. Gemeinsam wurde festgehalten, dass an dem Thema der Palliativversorgung für Hildesheim weiter gearbeitet werden sollte. Es wurde der Wunsch geäußert, dass die HAWK mit ihrem PTH-Netzwerk hier am Ball bleiben sollte.

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