Datenhoheit – ein Experiment von Vincent Timm mit Extended Realities

Wer ist Carlo Frisch? Darüber können sich Interessierte ein eigenes Bild machen, wenn der gebürtige Hildesheimer der Hauptdarsteller eines unkonventionellen Experiments in der Arneken Galerie wird. Unter dem Titel „Datenhoheit“ untersucht Vincent Timm, Masterstudent im Kompetenzfeld Digitale Medien der Fakultät Gestaltung der HAWK in Hildesheim, im Rahmen seiner Master-Thesis, was passiert, wenn die nutzerbezogenen Daten eines Menschen vollkommen offengelegt werden.

Grob vergleichbar ist das Experiment mit der TV-Rubrik „Prism is a dancer“ aus dem Neo Magazin Royale von Jan Böhmermann. Darin wird ein Gast aus dem Publikum gewählt und anhand des Namens werden alle möglichen im Internet auffindbaren Daten in der Fernsehshow ausgewertet. Mit dem Unterschied, dass es bei „Datenhoheit“ nicht darum geht, jemanden bloß zu stellen. Die Daten werden unkommentiert ausgestellt. Die daraus resultierende Ausstellung wirft einen Blick auf die Interessen von Carlo Frisch in ausgewählten Zeiträumen von 2008 bis 2019. Timm nutzt dafür Augmented-Reality und Virtual-Reality, um die Betrachtenden dazu zu bewegen, ihre Perspektive zu ändern. Es geht darum, sich ein eigenes Bild über Frisch zu bilden. Der hat selbst ein eigenes Interesse daran, zu sehen, wie auf ihn reagiert wird. Am Ende fragt Timm bei den Gästen die Eindrücke ab, die sie von Frisch gewonnen haben.

Bei diesem Experiment sollen Antworten auf die Fragen gefunden werden: „Inwieweit bauen Extended Realities, also computergestützte Erweiterungen der Realitätswahrnehmung, physische Räume aus? Und wie wird dadurch die Perspektive des Individuums auf die Umwelt verändert?“ Ziel des Experiments soll sein, einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen, der probiert, die unterschiedlichen Sichtweisen zu einer übereinstimmenden Realität zusammenzuführen. Timm erklärt seine These: „Der Mensch legt im Laufe seines Lebens kognitive Schemata an, die meistens durch Anpassung und Angleichung gespeist werden. Funktioniert eines dieser Schemata nicht mehr, so ist es nicht mehr überlebensfähig und muss angepasst werden. Extended Realities können dabei helfen, flüchtige Gedankenräume zu materialisieren und in Bezug zur physischen Realität zu setzen.“ Es geht also nicht darum, eine digitale Ebene zu schaffen, um der physischen Welt zu entfliehen, sondern darum, die Brille zu wechseln, um die eigene Realität auf ihren Wahrheitsanspruch zu überprüfen.
Vincent Timm studiert Digitale Medien mit dem Schwerpunkt Interaction Design und beschäftigt sich stark mit Identitätsbildung und -auslebung in Onlinewelten. „Da liegt die Frage nahe, ob wir eigentlich wissen, was unsere nutzerbezogenen Daten über uns verraten. Mein Kommilitone Carlo Frisch besaß die Neugier, wissen zu wollen, was ich über ihn herausfinden könnte. Er hat auch den Wert der Aufgabe erkannt, sich transparent mit seinen ungeschönten Daten der Öffentlichkeit zu präsentieren“, erklärt Timm.

Damit einher geht also auch ein kritisches Statement in Richtung von Plattformen wie Instagram, wo es doch eher darum geht, darzustellen, dass Glück und Erfolg der Person innewohnen. Timm sagt dazu: „Ich frage mich, ob es unserer Gesellschaft guttun würde, die Menschen um uns herum mit all ihren Facetten kennenzulernen. Das würde uns vielleicht Druck nehmen und gleichzeitig öffnen für die Akzeptanz der Andersartigkeit der Menschen um uns herum.“

Wann und wo?

Das Experiment „Datenhoheit“ findet am 7. und 8. Juni 2019, von 16 bis 20 Uhr, im 1. OG in der Arneken Galerie statt.

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