Stand des Wissens

Die gesellschaftliche Bedeutung von Kindertageseinrichtungen und pädagogischem Fachpersonal hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Kindertageseinrichtungen sind „Einrichtungen, in denen sich Kinder für einen Teil des Tages oder ganztägig aufhalten und in Gruppen gefördert werden“ (SGB VIII, § 22, Abs. 1). Dahinter verbergen sich unterschiedliche Betreuungsformen, die die Krippe als Einrichtung für 0-3 Jährige einschließen. Als ein „Wandel von der Betreuung zur Trias ´Bildung, Betreuung, Erziehung´“ (Robert Bosch Stiftung, 2011) werden die Entwicklungen in Kindertageseinrichtungen beschrieben. Der gesetzlich verankerte und erwartete Förderungsauftrag umfasst die Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Er schließt die Vermittlung orientierender Werte und Regeln ein. Die Förderung soll sich am Alter und Entwicklungsstand, den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, der Lebenssituation sowie den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes orientieren und seine ethnische Herkunft berücksichtigen (SGB VIII, § 22, Abs. 3). Des Weiteren werden in § 22a Abs. 2 Angaben zur Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräften und Eltern dargestellt.

Zentrale Merkmale der pädagogischen Prozessqualität sind das professionelle Agieren und Reagieren der Fachkräfte auf situative Bedingungen im Alltag und das reflexive Bewältigen und Ad-hoc-Handeln in pädagogischen Situationen. Eine hohe Prozessqualität ist gegeben, wenn die pädagogischen Fachkräfte sensibel und einfühlsam mit den Kindern umgehen und auf ihre individuellen Bedürfnisse, Interessen und Entwicklungsvoraussetzungen eingehen, entwicklungsangemessene Materialien auswählen und bereit stellen, Impulse für selbstgesteuertes Lernen und Anregungen in verschiedenen Entwicklungs- bzw. Bildungsbereichen geben und wenn sie bestimmte lern- und persönlichkeitsförderliche Strategien der Interaktion mit den Kindern anwenden. Daneben gelten auch der konkrete Umgang mit den Eltern und ihre Beteiligungsmöglichkeiten sowie die Interaktionen zwischen den Kindern und unter den Kolleginnen als Merkmale der Prozessqualität. (Gewerkschaft Erziehung und Wissen, 2009).
Die Strukturqualität in Kindertageseinrichtungen lässt sich u.a. in den Bereichen Gender, Altersstruktur, Beschäftigungsverhältnis und Fachkraft-Kind-Relation umreißen:

  • Der Sektor der Kindertageseinrichtungen ist vornehmlich weiblich besetzt (Haidlinger, 2013). So lag der Frauenanteil von Erzieher/inne/n 2012 bei über 92% (Statistisches Bundesamt, 2013).
  • Die Altersstruktur des pädagogischen Fachpersonals in niedersächsischen Kindertageseinrichtungen wird wie folgt angegeben: 12,2% sind jünger als 25 Jahre, 33,1% sind zwischen 25 und 40 Jahren, zwischen 40 und 55 Jahren sind 41,6 % und 13,1% der Fachkräfte sind 55 Jahre oder älter (Bertelsmann Stiftung, 2013a). Diese Daten sind mit den durchschnittlichen Altersangaben für das Bundesgebiet nahezu identisch (vgl. Statistisches Bundesamt, 2012).
  • In Niedersachsen gehen 25,3% (Deutschland: 40,2%) der Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen einer Vollzeitanstellung nach. Eine Teilzeitanstellung (32 – 38,5 Wochenstunden) haben 25,1% (Deutschland: 18 %) und eine Teilzeitanstellung mit 21 – 32 Wochenstunden haben 38,1% (Deutschland: 26,5%) der Fachkräfte inne. 8,9% (Deutschland: 12,3%) des pädagogischen Fachpersonals haben eine Teilzeitanstellung mit 10 – 21 Wochenstunden und unter 10 Wochenstunden arbeiten 2,7% (Deutschland: 3%) der Fachkräfte (Bertelsmann Stiftung, 2013b).
  • In Niedersachsen liegt der ausgewiesene Personalschlüssel in Kindertageseinrichtungen mit 1 : 3,9 etwas unter dem Bundesdurchschnitt (1 : 4,3), aber immer noch über dem von der Bertelsmann-Stiftung (2013c) empfohlenen Schlüssel von 1 : 3.

Seit August 2013 ermöglicht das Kinderförderungsgesetz (KiföG) einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr. Der allgemeine Betreuungswunsch von Eltern für deren Kinder unter drei Jahren liegt deutschlandweit durchschnittlich bei 41,5% (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2015). 74,6% dieser Eltern wünschen sich eine Betreuung in einer Kindertageseinrichtung (ebd.). In Niedersachsen ist die Betreuungsquote zwischen 2008 und 2013 um 18,8% angestiegen. 2014 lag die Betreuungsquote für Kinder unter 3 Jahren bei 27,9% (ebd.). Hingegen liegt der Betreuungsbedarf für Kinder unter 3 Jahren in Niedersachsen bei 38,3% (ebd.).
Seit Inkrafttreten des KiföG liegt ein gesellschaftspolitischer Fokus auf qualifizierten Fachkräften für Kindertageseinrichtungen (0-3 Jahre). Krippen haben gemäß ihres gesetzlichen Auftrages von Kindertageseinrichtungen (§ 22, SGB VIII) mehrere Funktionen zu erfüllen. Einerseits sollen sie eine Infrastruktur zur Verfügung stellen, die den Familien eine Balance zwischen familiären und beruflichen Leistungen ermöglicht.
Andererseits haben die pädagogischen Fachkräfte die Aufgabe, die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern zu fördern und die Erziehung und Bildung zu unterstützen und zu ergänzen, also Care-Arbeit zu leisten (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, 2009). Care-Arbeit im Allgemeinen beinhaltet ein bestimmtes Maß an persönlichem Engagement, Verpflichtung oder Leidenschaft für die Personen, die umsorgt werden. Mit dieser Motivation und dem Arbeitsselbstverständnis mit und für andere Menschen zu arbeiten, hängt auch die Qualität der geleisteten Arbeit zusammen. Care-Arbeit in Kindertageseinrichtungen ist zudem körperlich und psychisch anspruchsvoll. Direkte Pflege, Betreuung, Bildung und Erziehung, sowie Verantwortung für Betreuungsaufsicht und Überwachung der betreuungsbedürftigen Personen sind die Kernaufgaben in Kindertageseinrichtungen. Dies erfordert eine ständige Präsenz und Einsatzbereitschaft. Hinzu kommen die regelmäßigen Beobachtungen und Dokumentationen über die gezielte Bildungs- und Entwicklungsförderung, die Gestaltung der Beziehungen zu Eltern und die kontinuierliche Qualitätssicherung. Die verstärkte Aufnahme von Kindern unter drei Jahren erfordert zusätzlich die Anpassung bzw. Weiterentwicklung konzeptioneller und pädagogischer Grundlagen (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, 2009).

Das Erfüllen der „pädagogischen Schlüsselrolle“ und des gesellschaftlichen Anspruchs in der frühkindlichen Erziehung und Bildung erfordert außerdem ein hohes Maß an Gesundheit und Leistungsfähigkeit der pädagogischen Fachkräfte. Jedoch zeigt sich in unterschiedlichen Studien, dass die pädagogischen Fachkräfte erhöhten körperlichen, psychischen und psychosozialen Belastungen ausgesetzt sind (vgl. Tab. 1).

Tabelle 1: Belastungen von pädagogischem Fachpersonal in Kindertageseinrichtungen

Körperlich Psychisch Psychosozial
u.a.:

  • hohe Belastung des Muskel-Skelett-Systems (Nacken-, Schulter-, Arm- und Low-Back- Beschwerden) durch Bücken, ungünstige Arbeitshöhen, He-ben/Tragen, Sitzen, Stehen, Hocken, Knien und unbequeme Körperhaltungen (Mobiliar) (Fuchs, Trischler, 2008; Kankare et al., 2012; Pillastrini et al., 2009)
  • stimmliche Belastung durch häufiges und lautes Sprechen (Eysel-Gosepath et al., 2010; Kankare et al., 2012; Rudow, 2004a)
  • Infektions- und Hauterkrankungen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2012; Khan, 2007)
  • Magen-Darm-Erkrankungen und Kopfschmerzen (Grobe, 2013; Rudow, 2004a)
u.a.:

  • Zeitdruck und gleichzeitige Erfüllung mehrerer Aufgaben (Khan, 2007)
  • unregelmäßige Arbeitszeit-, Pausenregelung (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege/Deutsche Angestellten Krankenkasse 2011; Fuchs, Trischler, 2009)
  • Raum- und Materialmangel (Khan, 2007)
  • zu hohe Gruppenstärke, Personalmangel (Almstadt et al., 2012; Fuchs, Trischler, 2008)
  • Lärmbelastung (Almstadt et al., 2012; Eysel-Gosepath et al., 2010; Kankare et al., 2012)
  • überdurchschnittlich ausgeprägte Stressreaktion (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege/Deutsche Angestellten Krankenkasse, 2011)
  • hohe qualitative und quantitative Anforderungsvielfalt (Khan, 2007; Rudow, 2004b)
u.a.:

  • Verantwortung, Anforderung an Qualifikation, Kreativität, Geschicklichkeit (Rudow, 2004a)
  • sich überschneidende Personenkontakte, Umfang sozialer Kontakte (Khan, 2007)
  • vielfältige Betreuungs-, Bildungs-, Erziehungs- und Verwaltungs-aufgaben (Khan, 2007)

Ein hoher Anteil der Fachkräfte berichtet von arbeitsbezogenen gesundheitlichen Beschwerden während oder unmittelbar nach der Arbeit. Hierbei ist häufig der Bewegungsapparat, insbesondere der Rücken, infolge von ungünstigen Arbeitsbedingungen wie dem Heben und Tragen, Sitzen auf Kinderstühlen, betroffen. Die lange Sprechdauer, die hohe Gesamtsprechzeit pro Tag und die hohe Sprechlautstärke kennzeichnen die stimmliche Berufsausübung von pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen. Dies kann zu Stimmbeschwerden wie z.B. Heiserkeit, Stimmermüdung, Stimmlosigkeit oder Schmerz- und Kloßgefühl im Hals führen. Ungünstige Arbeitsbedingungen wie hohe Lautstärke im Raum durch Spielzeug und Kinderstimmen, schlechte Raumakustik, zu große Gruppen, trockene Luft, keine ausreichenden Sprechpausen usw. sind weitere externe Risikofaktoren, die die Stimmbeschwerden bedingen können (Kankare et al., 2012; Sala et al., 2002). In der Arbeit von pädagogischen Fachkräften treten laut Rudow (2004a) im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich hohe psychische Belastungen auf. So empfinden die Fachkräfte die vielen zu erfüllenden Arbeitsaufgaben als Belastung, die sie oft nur unter Zeitdruck durchführen können. Aber auch Überforderung und Stress durch die erhöhten Anforderungen der Care-Arbeit sind maßgeblich an der Entstehung von psychosomatischen Beschwerden wie z.B. Erschöpfung und Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und erhöhte Reizbarkeit verantwortlich (Sächsisches Staatsministerium, 2008). Da die pädagogischen Fachkräfte sich zuerst um das Wohl der Kinder kümmern, stellen sie häufig ihre eigenen, gesundheitsfördernden Bedürfnisse hinten an (Barthel, 2014; Barthel et al., 2014; Fuchs, Trischler, 2008).

Bisherige Studien stellen überwiegend die beruflichen Anforderungen und Belastungsfaktoren sowie deren gesundheitlichen Risiken für das pädagogische Fachpersonal aus Kindertageseinrichtungen (3-6 Jahre) dar. Für pädagogisches Fachpersonal, das in Krippen arbeitet, sind derzeit keine expliziten Studienergebnisse zu berufsbedingten physischen, psychischen und psychosozialen Belastungsfaktoren und Ressourcen vorhanden.
Da die Gesundheit der Beschäftigten eine wesentliche Voraussetzung für eine gute Betreuung-, Bildungs- und Erziehungsarbeit ist, müssen Arbeitgeber bzw. Träger Maßnahmen zum Gesundheits- und Arbeitsschutz ergreifen. Bestehende Konzepte beschäftigen sich mit Kindertageseinrichtungen (3-6 Jahre) und haben die pädagogischen Fachkräfte nicht ausschließlich im Fokus (Thumann et al., 2012). Derzeit existieren kaum wirkungsvolle, präventive Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen (3-6 Jahre).
Um betriebswirtschaftliche Strategien wirksam zu verfolgen, müssen mitarbeiterorientierte Arbeitsabläufe und -strukturen umgesetzt werden. Jedoch werden die pädagogischen Fachkräfte meist nicht als wesentliche Größe zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit angesehen. Die Verantwortung für die Sicherheit und Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte liegt auch beim Träger und ist durch vielfältige Arbeitsschutzgesetze geregelt.
Konzepte zur betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention für pädagogische Fachkräfte in Krippen, die die Fachgebiete der Forschenden betreffen, sind zurzeit nicht bekannt. Die partizipative Entwicklung und Evaluation eines Konzeptes für die betriebliche Prävention in Krippen und dessen inhaltlich-fachliche Basierung in den Gesundheitsberufen Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie und in der Sozialen Arbeit / Frühpädagogik, gibt es bisher nicht und stellt somit ein innovatives Projekt dar.
Das Projekt will ein präventives Interventionskonzept entwickeln, das den Arbeits- und Gesundheitsschutz der pädagogischen Fachkräfte unterstützt. Ein interdisziplinäres Konzept für die betriebliche Prävention in Krippen zu entwickeln, das im Sinne einer an Situationen angepassten Arbeitsplatzgestaltung eine verbesserte Gesundheit und Arbeitsqualität für pädagogische Fachkräfte gewährleistet, ist nur als partizipatives Forschungsvorhaben realisierbar. Diese zielgruppenorientierte und arbeitsweltbezogene Maßnahme soll gesundheitserhaltende und -fördernde Handlungs- und Problemlösekompetenzen stärken und auch eine gesundheitsstabilisierende und – förderliche Gestaltung der Arbeitssituation fokussieren.

AGnEEs

Arbeits- und Gesundheitsschutz für pädagogische Fachkräfte in niedersächsischen KiTas

Projektleitung

HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Standort Hildesheim
www.hawk-hhg.de

Projektleitung:
Prof. Dr. Ruth Jäger-Jürgens ruth.jaeger@hawk-hhg.de

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen:
Maria Barthel
Esther Scholz-Minkwitz

agnees.fs@hawk-hhg.de
Telefon: 05121/881-539

Förderer

EFRE